Bisher wissen wir, wie wir durch die elegante Variation von Denk- und Sozialformen Unterricht wesentlich wirksamer gestalten. Aber da geht noch was. Üblicherweise findet Lernen in der beruflichen Bildung vornehmlich an festen (Sitz-)Plätzen statt. Pausen oder Gruppenarbeiten sind oftmals die einzige Abwechslung dieser Monotonie.
Einerseits ermöglicht eine sitzende Position eine starke Konzentration. Andererseits wissen wir auch, dass längeres Sitzen den Herzschlag und damit die Sauerstoffsättigung und die Konzentrationsfähigkeit verringern. Als kompetente Trainer und Trainerinnen erhöhen wir durch gezielte Lernraumwechsel sowohl die körperliche als auch die geistige Beweglichkeit. Die Methodik-Maschine zeigt uns fünf praktische Möglichkeiten, die wir nutzen können.
Kleine Ortswechsel, große Wirkung
Lernplatz
Der individuelle und oft vehement verteidigte, da identitätsstiftende Lernplatz bietet einige Variationsmöglichkeiten. Die einfachste ist sicher, den Stuhl umzudrehen und mit der Lehne voranzusitzen. Oder man lädt die Lernenden dazu ein, sich auf den Tisch zu setzen. Diese Möglichkeit können wir dann einsetzen, wenn es um informelle Gesprächsrunden geht oder es einen guten Grund gibt, sich wieder „normal“ hinzusetzen („Sobald eine Frage richtig beantwortet wird, ist der Stuhl wieder für dich da.“). Auch das Aufstehen, z.B. bei einer Pro- und Contra-Diskussion, sorgt für Bewegung.
Andere Lernplätze
Vom einfachen Umsetzen während des Trainings würde ich abraten, da der Lernplatz von vielen Lernenden als persönlicher Schutzraum angesehen wird. Zum Start in einen neuen Lerntag kann man allerdings die Teilnehmenden durchaus einladen, sich einen komplett anderen, konträren Lernplatz zu suchen. Jetzt ist die Umgewöhnung wesentlich leichter zu bewältigen.
Jetzt kommt Bewegung rein: Raum und Gebäude nutzen
Lernraum
Natürlich kann der gesamte Lernraum genutzt werden. Gruppenarbeiten und Partnerarbeiten laden zur Bewegung ein („Besprechen Sie das Thema mit einem anderen Teilnehmenden, der mindestens zwei Meter entfernt ist.“). Die „Bühne“ dürfen wir an dieser Stelle nicht vergessen: Wenn Lernende „vorne stehen“ und im besten Fall voll konzentriert einen Impuls geben, wird dieser Lernraum aktiv genutzt.
Lerngebäude
Von der Möglichkeit des Spazierengehens („Diskutieren Sie das Thema und spazieren Sie einmal um das Gebäude.“) bis zu komplizierteren Events („Im Lerngebäude sind fünf Flipcharts mit fünf Thesen aufgehängt. Geben Sie zu jeder These Ihren Kommentar.“) kann das Lerngebäude genutzt werden. Selbstverständlich müssen wir darauf achten, dass andere dabei nicht gestört werden.
Andere Lernräume
Unserer Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Ich habe schon einmal einen kompletten Seminartag in einem Zertifikatslehrgang auf einer kleinen Wanderung durchgeführt. Auch die „Haus- oder Praxisaufgabe“ verändert die Lernräume.
Damit der Ortswechsel didaktisch sitzt
Die Variation der Denkorte braucht immer eine nachvollziehbare didaktisch-inhaltliche Begründung. Im Idealfall sind unterschiedliche Denkorte mit bestimmten Denkformen verbunden (Spazieren = Reflektieren und Zusammenfassen), sodass eine Routine entsteht. Auch sollten wir stets darauf achten, dass Denkorte nicht mit negativen schulischen Erlebnissen („aufstehen“, „vorne stehen“) in Verbindung gebracht werden.
Werfen Sie in den nächsten Tagen einfach einen Blick auf Ihre Unterrichtskonzeptionen. Welche anderen Lernorte bereichern Ihren Unterricht? Vielleicht brauchen Sie die übliche Reihenbestuhlung gar nicht mehr.
Viel Spaß, alles Gute und bis zum nächsten Mal, Ihr
Ausbildung zum Großhandelskaufmann, danach Studium der Pädagogik einschließlich Promotion. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen in den Bereichen:
Lernen erwachsener Menschen
Zusammenarbeit, Kommunikation, Führung
Dr. Kern arbeitete viele Jahre für verschiedene IHKs im Bereich der beruflichen Bildung, zuletzt als pädagogischer Leiter des IHK-Bildungszentrums in Karlsruhe. Seit 2016 ist er freiberuflicher Trainer, Berater und Coach.
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