Woran können Prüferinnen und Prüfer festmachen, ob eine Prüfungsaufgabe von einer Teilnehmerin bzw. einem Teilnehmer "gut" gelöst wurde? Selbstverständlich ist hierfür die fachliche Korrektheit zu bewerten. Darüber hinaus soll die Lösung aber auch den in der Aufgabenformulierung enthaltenen Erwartungen an den Lösungsumfang und die fachliche Tiefe entsprechen. Die Rede ist von der Taxonomie der Lernziele bzw. Prüfungsaufgaben, die unmittelbar miteinander korrespondieren.
Taxonomie verstehen
Prüfungsleistung angemessen bewertenMehr als „Wissen – Verstehen – Anwenden“
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Den Dreiklang aus „Wissen – Verstehen – Anwenden“ kennen alle Dozierenden in der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Er beschreibt eine der etabliertesten Schrittfolgen, mit der berufliche Handlungskompetenzen, das Kernziel aller Berufsabschlüsse im Zuständigkeitsbereich der IHKs, aufgebaut und trainiert werden.
Für IHK-Prüferinnen und -Prüfer bedeutet dieser Dreiklang hingegen vor allem eine Differenzierung: Soll ich beispielsweise als Prüfender bewerten, wie gut Prüfungsteilnehmende einen Zusammenhang verstanden haben (Aufgabe: Erläutern Sie den Zusammenhang zwischen A und B), dann ist bereits vorausgesetzt, dass sie über das hierfür erforderliche Fachwissen „Was ist A?“ und „Was ist B?“ verfügen. Eine Lösung, die lediglich in eigenen Worten beschreibt, was A und B jeweils ist, und mit keinem Wort auf den Zusammenhang zwischen A und B eingeht, würde die Erwartungen nicht erfüllen, null Punkte – egal, wie treffend die Beschreibungen für sich genommen sind.
Um eben diese Differenzierung, die sowohl in den Prüfungsverordnungen wie auch in den hierauf abgestimmten Rahmenplänen für die Lehrgangsdurchführung enthalten ist und sich dann auch in den IHK-Prüfungsaufgaben wiederfindet, geht es, wenn von der Taxonomie der Lernziele bzw. von der Taxonomie in Prüfungsaufgaben die Rede ist. Die Taxonomie, und darin besteht der Unterschied zum Dreiklang aus Wissen-Verstehen-Anwenden, gliedert sich dem Modell von Benjamin Bloom folgend jedoch in sechs Stufen, die Vermittlung und spätere Bewertung von beruflichen Kompetenzen erfolgt somit differenzierter.
Das wissenschaftliche Fundament, auf das taxonomische Modelle in der Bildungs- und Prüfungsdidaktik aufbauen, erläutere ich hier.
Für die Praxis der Bewertung von Prüfungsleistungen stelle ich im Folgenden die sechs Taxonomiestufen nach Bloom in der Form eines Kurzleitfadens vor:
- Welche Taxonomiestufen sind zu unterscheiden? Und welcher Erwartungshorizont ist fürjede einzelne von ihnen anzusetzen?
- Auf welche typischen Abweichungen können IHK-Prüferinnen und -Prüfer stoßen?
- Wie können IHK-Prüferinnen und -Prüfer mit diesen Abweichungen angemessen umgehen?
Insgesamt biete ich Prüfenden damit einen praxistauglichen Rahmen für ihre Bewertungstätigkeit, der ihnen zugleich mehr Argumentationssicherheit rund um ihre Vergabe von Punkten für erbrachte Prüfungsleistungen verschafft.
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Die sechs Taxonomiestufen für die Bewertung von Prüfungsleistungen – Kurzleitfaden
Zur Verdeutlichung der Unterschiede zwischen den sechs Taxonomiestufen verwende ich einen fiktiven Fragenkomplex zum Thema „Nachhaltigkeit im Unternehmensalltag“.
| Entscheidungslogik | Die Prüfungsaufgabe ruft lediglich Faktenwissen ab. |
| Beispielaufgabe | Nennen Sie drei konkrete Maßnahmen zur Reduktion des Papierverbrauchs im Unternehmen Mustermüller. |
| Erfüllung des Erwartungshorizonts | Die bzw. der Prüfungsteilnehmende nennt korrekt drei einfache Maßnahmen, zum Beispiel:
Solche Antworten entsprechen dem in der Aufgabenstellung signalisierten Erwartungshorizont sowohl quantitativ wie auch qualitativ. |
| Typische Abweichungen |
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| Hinweise für Prüfende |
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| Operatoren der Taxonomiestufe 1 |
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Hinweis: Den Begriff „Operatoren“ erläutere ich im Kontext des wissenschaftlichen Fundaments, auf das das Modell der Taxonomie aufbaut, hier …(LINK) ((evtl* mit Sternchen arbeiten und in die Außenspalte))
| Entscheidungslogik | Die Prüfungsaufgabe verlangt die Erstellung einer Erklärung oder Beschreibung. |
| Beispielaufgabe | Erklären Sie den Unterschied zwischen der Verwendung von Recyclingpapier und digitaler Archivierung. |
| Erfüllung des Erwartungshorizonts | Die bzw. der Prüfungsteilnehmende erklärt den Unterschied zwischen der Verwendung von Recyclingpapier und digitaler Archivierung in eigenen Worten. Hierbei werden relevante Unterscheidungsdimensionen/-aspekte wie die Ressourcennutzung, die Kosten oder die Umweltwirkung benannt und erläutert. |
| Typische Abweichungen |
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| Hinweise für Prüfende |
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| Operatoren der Taxonomiestufe 2 |
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| Entscheidungslogik | Die Prüfungsaufgabe fordert die Anwendung eines Zusammenhangs, einer Gesetzmäßigkeit oder einer Formel auf die Situationsbeschreibung. |
| Beispielaufgabe | Geben Sie zu den zwei Stichpunkten "Recycling" und "Reduction" je zwei Umsetzungsschritte an. |
| Erfüllung des Erwartungshorizonts | Die bzw. der Prüfungsteilnehmende überträgt gegebene Stichpunkte ("Recycling" und "Reduction") auf die eigene Abteilung. Die Antwort signalisiert den Bezug zur realen Praxis und ist nachvollziehbar. |
| Typische Abweichungen |
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| Hinweise für Prüfende |
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| Operatoren der Taxonomiestufe 3 |
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| Entscheidungslogik | Die Prüfungsaufgabe fordert einen Vergleich oder eine Analyse mehrerer Größen oder Aspekte eines Themas. |
| Beispielaufgabe | Analysieren Sie den Vorschlag, Arbeit im Homeoffice als Beitrag zum nachhaltigen Handeln des Unternehmens zu verstehen. |
| Erfüllung des Erwartungshorizonts | Die bzw. der Prüfungsteilnehmende stellt die Vor- und Nachteile von Arbeit im Homeoffice systematisch und mit Blick auf relevante Nachhaltigkeitsaspekte gegenüber, zum Beispiel: + weniger Pendelverkehr + Reduzierung der erforderlichen Bürofläche dagegen - Erschwernis für die Teamkultur - Höhere Stromkosten für die Privathaushalte der Beschäftigten Die Analyse ist strukturiert und enthält klare sowie relevante Kriterien wie beispielsweise ökologische, ökonomische und/oder soziale Aspekte. |
| Typische Abweichungen |
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| Hinweise für Prüfende |
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| Operatoren der Taxonomiestufe 4 |
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| Entscheidungslogik | Die Prüfungsaufgabe fordert eine Bewertung sowie die Darstellung eines hierzu passenden Bewertungsmaßstabs. |
| Beispielaufgabe | Bewerten Sie den Vorschlag, für den Transport der Ware zu den Händlern wiederverwendbare Kunststoffkisten an Stelle der bisherigen Einwegverpackung zu verwenden. |
| Erfüllung des Erwartungshorizonts | Die bzw. der Prüfungsteilnehmende legt relevante Maßstäbe bzw. Kriterien für seine Bewertung auf nachvollziehbare Weise dar, zum Beispiel in Form einer Betrachtung der kurz- und langfristigen Kosten, des Ressourcenverbrauchs und der Müllvermeidung. Die Bewertung besitzt klar erkennbare Bezüge zum Unternehmen und der Unternehmenssituation, zum Beispiel: exklusive Distribution über nur wenige Händler jedoch hohe Anfangsinvestition in einer aktuell schwierigen finanziellen Lage. |
| Typische Abweichungen |
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| Hinweise für Prüfende |
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| Operatoren der Taxonomiestufe 5 |
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| Entscheidungslogik | Die Prüfungsaufgabe fordert die kreative Erstellung eines Konzepts. |
| Beispielaufgabe | Entwerfen Sie für die Logistik der Mustermüller GmbH ein Nachhaltigkeitskonzept. |
| Erfüllung des Erwartungshorizonts | Die bzw. der Prüfungsteilnehmende entwickelt ein schlüssiges Nachhaltigkeitskonzept mit Zielen, Maßnahmen, Umsetzungsplan und Rahmenbedingungen. Im Konzept werden essenzielle unternehmerische Faktoren wie die Organisationsstruktur, rechtliche und/oder personelle Anforderungen berücksichtigt, soweit sie der Situationsbeschreibung zu entnehmen sind. Das Konzept berücksichtigt die aktuelle Unternehmenssituation. |
| Typische Abweichungen |
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| Hinweise für Prüfende |
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| Operatoren der Taxonomiestufe 6 |
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Fazit: Mehr Transparenz, mehr Sicherheit
Die sechsstufige Bloom‘sche Taxonomie bietet eine klare Orientierung für die Bewertung von Prüfungsleistungen. Der vorliegende Kurzleitfaden dient IHK-Prüferinnen und -Prüfern als Orientierung und verschafft ihnen mehr Klarheit über die zu erfüllenden Erwartungen sowie mehr Sicherheit bei der Vergabe von Punkten. Insgesamt werden Bewertungen durch die Beachtung der exemplarisch aufgeführten Kriterien konsistenter, Grenzfälle lassen sich leichter einordnen und angemessen bewerten – alles das sind wichtige Bausteine für die gebotene Fairness der Prüfungen im Zuständigkeitsbereich der IHKs.
Weiterführende Informationen
Für alle Prüfenden, für alle Dozierenden und nicht zuletzt für alle Lehrgangs- bzw. Prüfungsteilnehmenden haben wir eine Schnellübersicht (PDF, 230 KB)erstellt: Welche Operatoren, d. h. welche Arbeitsaufträge, sind welcher Taxonomiestufe zuzuordnen – einfach wissenswert und praktisch
Weitere Details zum kognitiven Anspruch, zu den sogenannten Operatoren in Prüfungsaufgaben und zum linguistischen Hintergrund des Taxonomiemodells lesen Sie hier.